Keiner sieht die Welt so wie Du

Einer der Leitsätze des sehr erhellenden Psychologen und Autors Jens Corssen lautet: „Was ist, ist – und wie ich es beurteile, ist mein ganz persönlicher Beitrag zum Leben. Dieser ganz persönliche Beitrag bestimmt mein Erleben und mein Verhalten – nicht das, was ist.”

An dieser, meiner eigenen Art, die Welt zu sehen, zu fühlen, zu interpretieren, zu beurteilen, kann ich arbeiten, mit ihr kann ich spielen, kann sie verändern, kann neue, zusätzliche Beiträge und Beurteilungsraster, -maßstäbe, -ideen hinzugewinnen; kann überholte, wenig zielführende, mich lähmende Denkweisen bewusst ablegen.

Ja, das ist Arbeit. Ja, das ist mitunter ein schmerzhafter, vielleicht auch trauriger Erkenntnisprozess. Und doch ist die Erkenntnis, dass die Wahrnehmung die Wirklichkeit definiert und nicht die Wirklichkeit die Wahrnehmung, derart wichtig, dass wir uns die Frage von Paul Watzlawick immer vor Augen halten sollten: „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?” Gar nicht! Und wer das weiß und mit Respekt betrachtet, weiß, warum ich mich darin übe, zu fragen: „Und wie siehst Du das?”

Wer jetzt noch skeptisch ist, der sollte nur folgenden Gedankengang mitgehen: Wenn hier steht AUTO, wissen sehr viele Menschen, was mit dieser Anordnung der Buchstaben A U T O  gemeint ist, aber niemand hat jetzt in dem Moment genau das Bild von einem Auto vor dem inneren Auge, das DU lieber Leser jetzt siehst, wenn ich sage, bitte stelle Dir ein AUTO vor. Wir alle lesen das gleiche Wort und jeder sieht doch etwas anderes.

Im Politikstudium hieß das anspruchsvoll Perzeptionslehre. Und ich bin froh, dass es Professoren wie den Herrn Kindermann gibt, die sich nicht auf ihre abgehobene Sprache versteifen, sondern es vorziehen, verstanden zu werden. Er brachte daher das Beispiel des Verkehrsunfalls. Kommt es zu einem Unfall und es gibt fünf Zeugen, hat man sechs verschiedene Unfälle. So viel zum Thema: Es gibt nur eine Welt. Nö! Es gibt nur Deine Welt. Behandle sie gut. Es ist die einzige, die Du hast.


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Ein Kommentar und ich freue mich über mehr!

  • Eva 06.30.2010

    Es sind vor allem auch die Worte, die uns zur Verfügung stehen, um die Wirklichkeit zu beschreiben. Die Perzeptionslehre würde ich nun gerne hier mit der Prototypentheorie erweitern: Nehmen wir das Wort “Vogel” – die meisten Menschen sehen hierbei erstmal einen Spatz, einen kleinen Durchschnittsvogel. Kaum jemand würde hier zuerst an einen Flamingo oder Kolibri denken. Das macht den Spatzen zum Prototypen, der im Zentrum der Assoziation steht, er wird zuerst bedacht, während der Flamingo irgendwann mal einfällt, er ist eher am Rand (wenn man sich das prototypische Bild mal in die Mitte denkt und die weniger typischen Vertreter drumherum). Ebenso bei “Stuhl” – wer denkt da zuerst an einen aufwändig bestickten antiken, vielleicht gar königlichen Sessel? Auch eine Art Stuhl, oder?

    Und woran denkst Du nun zuerst, was ist Dein Prototyp, wenn ich “Texter” sage? Oder “Manager”? :mrgreen:

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