Und keiner sagt etwas …
Ich liebe sie, diese kleinen Begebenheiten des Alltags, die doch Schlüssel zu größeren Erkenntnissen in sich bergen. Während der Kieler Woche war ich zu einer Segeltour eingeladen. Es gefiel mir sehr gut. Das Wetter war großartig, die Stimmung an Bord auch. Wir unterhielten uns viel. Erst am Nachmittag, als ich auf dem WC war, stellte ich fest, dass ich die ganze Zeit mit einem riesigen Salatblatt auf einem Schneidezahn rumgelaufen war.
Alle hatten es gesehen. Keiner hatte etwas gesagt. Als ich dann fragte, ob sie denn bemerkt hätten, dass ich da ein blödes Blatt auf dem Zahn gehabt hätte, lachten sie nur. Ja natürlich. Aber, warum habt ihr denn nichts gesagt? Na, weil … wer mag schon gern Kritik. Es ist das Phänomen des Postboten. Bringt er einen Lottogewinn, umarmen wir ihn. Bringt er den Steuerbescheid am Tag vorm Urlaub, ist er ein Arschloch. Der Postbote kennt diese Reaktion nur zu gut. Das gleiche gilt auch für Meteorologen. In Schweden sollen schon zwei ermordet worden sein, da sie nur schlechtes Wetter verkündeten.
Was das Ganze mit Mentaltraining zu tun hat? Die Menschlichkeit des Seins erkennen. Der Überbringer einer Kritik oder gar schlechten Nachricht ist ein mutiger Mensch. Allzuoft heißt es, man habe uns nicht kritisiert, uns etwas Schlechtes nicht sagen wollen, um uns zu schützen. Quatsch. In Wahrheit wollte sich der Wissende, der vermeintliche Bote nur selbst schützen. Er möchte nicht schlecht da stehen.
Wenn uns also jemand kritisiert, uns eine schlechte Nachricht übermittelt, dann kann er das tun, um uns zu schaden. Es kann aber auch geschehen, um uns zu schützen, uns zu helfen. Und die Überwindung, die oft unterbewusste Hinnahme, eventuell in Ungnade zu fallen, sollten wir honorieren, statt allzu menschlich zu reagieren und den Boten abzuwerten.

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